By Anna Karina Birkenstock

Menschen machen Inhalte sichtbar

Der Ursprung unserer Buchkultur ist das Erzählen. Ob Geschichten oder Wissen, alles wurde von Mensch zu Mensch weitergegeben. Auch wenn die Technik, von der Erfindung der Schrift über die Druckerpresse bis hin zur Digitalisierung, dieses Erzählen in verschiedene Medien gepackt hat – die Technik ist nur dazu da, das Erzählen zu transportieren.

Erst kommt die Geschichte, dann das Medium

Die Fragestellung „Wie machen wir digitale Inhalte in einer Buchhandlung sichtbar?“ ist nicht mit Modulen, Aufstellern oder digitalen Bücherschränken zu beantworten. Auch das gedruckte Buch ist “sichtbar” durch seine materielle Präsenz im Raum, aber der Kern der Frage muss doch lauten „Wie wird Sichtbares auch wahrgenommen?“

Die schönste Art, für mich, auf ein Buch zu stoßen ist die persönliche Empfehlung eines Menschen. Das kann innerhalb einer (Online-)Community geschehen, oder im Freundeskreis. Ein erfahrener Buchhändler kann uns auf seine eigene Weise für ein Buch begeistern, in dem seine Erfahrung mit uns teilt.

Unser erster Zugang zum Buch erfolgt im besten Falle durch Menschen, die uns begeistern können

Ich als Autorin und Illustratorin gehöre zu denen, die sehr gerne ihre Inhalte und Bilder auch persönlich vermitteln (zugegeben, das macht nicht jeder Autor oder Illustrator gerne). Ich liebe die Begegnung mit Lesern in Buchhandlungen, Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Als Kinderbuchmacherin lese ich oft für Kindergarten- und Vorschulkinder. Diese können in der Regel noch nicht selber lesen, sondern sind, bei Büchern mit Text, auf das Erzählen von Menschen angewiesen – womit wir wieder beim Ursprung sind: Unser erster Zugang zum Buch erfolgt im besten Falle durch Menschen, die uns begeistern können.

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Platz ist immer irgendwo – Lesung mit Anna Karina Birkenstock in einer Buchhandlung in Graz, 2014

Was bei einer Veranstaltung zählt, ist das Charisma des Autors/Illustrators

Die Präsenz des Menschen ist für mich der wichtigste Punkt, den die Buchhandlung allen Internetshops voraus hat. Zunächst der Buchhändler und dann natürlich die Möglichkeit, in dieser Buchhandlungen Begegnungen mit Autoren und Illustratoren zu ermöglichen. Nicht zu vergessen auch die Begegnung und der Austausch der Zuhörer/Leser untereinander. Dabei ist es unerheblich, ob der Autor aus einem gedruckten oder digitalen Buch seine Geschichte vorträgt – solange er sein Wasserglas nicht darüber kippt.

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Bilderbuchkino unter den Sternen: Bild aus „Freda und das Geheimnis der Nacht“ von Anna Karina Birkenstock (© Tilda Marleen Verlag)

Zu meinem Lesereisegepäck gehört neben einem Beamer (Bilderbuchkino) auch ein iPad (Zuspieler). Da ich illustrierte Bücher vorstelle, sind die Bilder im Buch, egal ob digital oder gedruckt, für eine größere Gruppe an Kindern zu klein. Viele kennen schon das „Bilderbuchkino“ aus ihrer Bibliothek, bei dem die Bilder mittels Beamer projiziert werden. Bei einem E-Book lässt sich das Tablett an den Beamer direkt anschließen, so können auch Animationen (falls vorhanden) gezeigt werden. Mit Hilfe des Bilderbuchkinos veranstalte ich auch eine „Lesung im Dunkeln“, bei dem das projizierte Bild den Raum in die Farbstimmung (Tag, Sonnenuntergang, Nacht) der Geschichte taucht. Ein Zauberspruch, der einen weißen Blitz im Bild auslöst, wird so für alle erlebbar. Einzig zum Signieren vermisse ich ein gedrucktes Buch.

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Bilderbuchkino „Komm kuscheln, kleiner Hase!“ mit Anna Karina Birkenstock in der Stadtbibliothek Siegburg, 2014

Doch es gibt immer noch Vorbehalte: Oft merke ich, wie die anwesenden Pädagogen in KiTas und Schulen erst einmal die Stirn runzeln, wenn ich ein digitales Medium mitbringe. Aber nach der Lesung wird jedem klar – es geht um das lebendige Vorlesen, nicht um das Medium. Für die Kinder, die da unvoreingenommener sind, macht es von vornherein keinen Unterschied.

Es gibt in Deutschland zahlreiche Lesefestivals für Kinder und Erwachsene, die die Begegnung zwischen Autor/Illustrator ermöglichen. Ich war 2013 beim Käpt’n Book Lesefestival (http://www.kaeptnbook-lesefest.de) auf zweiwöchiger Lesereise (19 Lesungen) und auch auf den Museumsfesten dabei und konnte sehen, wie inspirierend solche Veranstaltungen für alle Beteiligten sind.

Kinder sind Technik gegenüber unvoreingenommener

Wenn Menschen mit Begeisterung Bücher vermitteln, ist es für die Geschichte unerheblich, ob sie das von einem E-Book oder gedruckten Buch tun. Ein E-Book kann auch auf andere Weise hilfreich sein: Die bekannte Kinderbuchautorin Ursel Scheffler („Kommissar Kugelblitz“, „Ätze das Tintenmonster“, „Upps“, „Die Hafenkrokodile“) hat ihr iPad bei Lesereisen stets dabei.

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Erfolgsautorin Ursel Scheffler hat bei Lesungen stets ihr iPad dabei, um Kinder in allen Sprachen zu begeistern.

Während ihrer Lesungen lässt sie auch Teile der Geschichte von Kindern mit Migrationshintergrund in ihrer jeweiligen Muttersprache vorlesen. Auf ihrem Tablet hat Ursel Scheffler ihre Bücher als E-Books in vielen Sprachen dabei. Sie hat, neben ihren bereits in über 60 Sprachen übersetzten gedruckten Büchern, weitere ihrer Bücher in Eigeninitiative übersetzen lassen und veröffentlicht sie als E-Books. Ihr Projekt „Bücherbrücken“ soll Kinderbücher in möglichst vielen (auch regionalen Dialekten) Sprachen für Kinder zugänglich machen. (www.bücherbrücken.de)

Begegnen und Begeistern – von Mensch zu Mensch

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Bei Workshops geht es zur Sache – also besser draußen – Lesung und Workshop mit Anna Karina Birkenstock in der Eifel, 2013

Begeistert Euch, begeistert andere! Autoren und Illustratoren, die gerne Veranstaltungen geben, gibt es in ganz Deutschland, in der Nähe jeder Buchhandlung. Es muss nicht immer der Bestsellerautor sein, die Beziehung zum Buch muss gelebt werden und wo könnte das besser geschehen als in der Buchhandlung bzw. als Kooperation zwischen KiTa/Schule/Bibliothek und Buchhandel.

Mehr zu diesem Thema von mir gibt es auf der Veranstaltung: „Einkauf als Ereignis: Storytelling in der Buchhandlung“, Buchmesse Frankfurt 2014, Halle 3.1 Stand K15 (Arena Digital) am 8. Oktober 2014 von 15 bis 16 Uhr. (Veranstaltungskalender der Buchmesse)

Die kleine Feldmaus auf der Electric Bookfair 2014

Es ist schon einige Zeit her, aber noch gut in Erinnerung.
Hier kommt endlich der Bericht unserer Kleinstadt-Korrespondentin aus der großen Stadt:
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Die kleine Feldmaus wohnt nicht wirklich auf dem Land, sondern in einer Kleinstadt. Ihre besonderen Merkmale sind ihre Begeisterungsfähigkeit für die Schönheit des Alltags.

Am 21. Juni 2014 packte die kleine Feldmaus ihr Kleinstadtköfferchen und machte sich auf in die große Stadt Berlin zur ersten Electric Book Fair. Im Gepäck hatte sie natürlich die E-Books ihres eigenen Verlages. Sie freut sich auf Begegnungen mit vielen anderen interessanten Mäusen.

Einführung: „Das digitale Wir“

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Die kleine Feldmaus fühlt sich natürlich als Teil davon, denn sie hat einen Freund, der ihr alle wichtigen Twitter Nachrichten vorliest (Sie hat eigentlich genug mit Facebook zu tun und will daher keinen eignen Twitter Account). Die Maus überlegt „Ich sitze auf der #EBF14 in der alle gleichzeitig darüber posten und lesen, dass sie gerade auf der #EBF14 sind, in der alle posten und lesen, dass sie…“ Irgendwann wird es ihr schwindelig. „Wenn ich es nicht twittere, bin ich dann eigentlich gar nicht da gewesen?“

Die Vorträge und Pausengespräche
Es gibt viele Vorträge, einer nach dem anderen. Die Menschen auf der Messe, das merkt man deutlich, sind alle mit Leib und Seele dabei. Es geht um Inhalte, Visionen, Gestaltung der Zukunft. Literatur ist ein gemeinsames Kulturprojekt, es soll möglichst vielen zugänglich sein.

Beruhigt werden wir alle in der “Keynote” von Richard Nash ” Scatter, Adapt and Remember”- Der Editor wird auch in den Zeiten zunehmender Computerisierung nicht aussterben, er steht in einer Reihe mit dem Physiotherapeuten und dem Feuerwehrmann, unersetzlich sozusagen. Ein gutes Gefühl für einen guten Start in den Tag!

Unter den Vortragenden gibt es Künstler, Macher und gestandene Geschäftsleute und die kleine Feldmaus bewundert sie gleichermaßen. Am liebsten wäre ich doch alles gleichzeitig, denkt sie. Mit coolen Projekten sichtbar im Netz und wirtschaftlich erfolgreich. Oder wäre das zu viel des Guten? Verrät der finanzielle Erfolg den kulturell wertvollen Ansatz?

Jürgen Schulze vom Null Papier Verlag, erfolgreich und gleichermaßen pragmatisch (“Wenn der Leser die Geschichte anders will, dann ändert der Autor das eben”) polarisiert dann auch das Publikum und verblüfft nach den heißen Diskussionen zum Thema Sichtbarkeit im Netz mit dem Satz “Ich mache keine Werbung, nie, das bringt nichts.” Zauberei? Da freut man sich auf einen Vortrag einer erfolgreichen Person, und die Enthüllung des Geheimnisses seines Erfolges und dann – Nichts! Da fällt auch unserer kleinen Feldmaus kurz die Kinnlade herunter, es kann doch nicht nur am Preis liegen?!

Man merkt deutlich, dass der heutige Austausch lange überfällig war- bei einigen Vorträgen kommt man schnell vom in der Überschrift genannten Thema etwas ab auf die Themen, die die Anwesenden besonders interessieren.  Dabei lenkt die Diskussion immer wieder zu den ähnlichen Fragen – Sichtbarkeit und Umgang mit Großkonzernen. Idealismus im Umgang mit der Realität. Große Unternehmen, wie, nennen wir sie „die Grinsekatze“ – ist sie unser Freund oder ist sie „alternativlos“? Können wir von ihr lernen?

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Es besteht großer Rede- und Austauschbedarf im „Digitalen Wir“, und so fällt es bald schwer, sich zwischen Vorträgen und spannenden Pausengesprächen zu entscheiden. Ein Tag scheint viel zu kurz.

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Die Vielfalt der Ansätze, Ideen und Lebensläufe ist großartig. Doch auch auf so einer zukunftweisenden Veranstaltung fällt der legendär platte und doch voller tiefer Weisheit steckende Satz:
„Die kochen doch auch nur alle mit Wasser.“

Der Abend
Nach so vielen Informationen, Vorträgen und Gesprächen schwirrt der kleinen Maus der Kopf, aber es gibt ja noch ein Abendprogramm.

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Jede Spannung braucht einen „Comic Relief“: Am Abend wurden Vortragssaal und Beamer zum „private Viewing“ des Fußballspieles Deutschland – Ghana umfunktioniert. Leider funktionierte „Comic“ nicht so ganz bei diesem spannenden Spiel, aber der „Relief“ der Spannung des Tages entlud sich deutlich in althergebrachten gebrüllten Kommentaren über die Spielleistung der Fußballer.

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Aber denken wir daran „Die kochen auch alle nur mit Wasser.“