Menschen machen Inhalte sichtbar

Der Ursprung unserer Buchkultur ist das Erzählen. Ob Geschichten oder Wissen, alles wurde von Mensch zu Mensch weitergegeben. Auch wenn die Technik, von der Erfindung der Schrift über die Druckerpresse bis hin zur Digitalisierung, dieses Erzählen in verschiedene Medien gepackt hat – die Technik ist nur dazu da, das Erzählen zu transportieren.

Erst kommt die Geschichte, dann das Medium

Die Fragestellung „Wie machen wir digitale Inhalte in einer Buchhandlung sichtbar?“ ist nicht mit Modulen, Aufstellern oder digitalen Bücherschränken zu beantworten. Auch das gedruckte Buch ist “sichtbar” durch seine materielle Präsenz im Raum, aber der Kern der Frage muss doch lauten „Wie wird Sichtbares auch wahrgenommen?“

Die schönste Art, für mich, auf ein Buch zu stoßen ist die persönliche Empfehlung eines Menschen. Das kann innerhalb einer (Online-)Community geschehen, oder im Freundeskreis. Ein erfahrener Buchhändler kann uns auf seine eigene Weise für ein Buch begeistern, in dem seine Erfahrung mit uns teilt.

Unser erster Zugang zum Buch erfolgt im besten Falle durch Menschen, die uns begeistern können

Ich als Autorin und Illustratorin gehöre zu denen, die sehr gerne ihre Inhalte und Bilder auch persönlich vermitteln (zugegeben, das macht nicht jeder Autor oder Illustrator gerne). Ich liebe die Begegnung mit Lesern in Buchhandlungen, Bibliotheken, Kindergärten und Schulen. Als Kinderbuchmacherin lese ich oft für Kindergarten- und Vorschulkinder. Diese können in der Regel noch nicht selber lesen, sondern sind, bei Büchern mit Text, auf das Erzählen von Menschen angewiesen – womit wir wieder beim Ursprung sind: Unser erster Zugang zum Buch erfolgt im besten Falle durch Menschen, die uns begeistern können.

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Platz ist immer irgendwo – Lesung mit Anna Karina Birkenstock in einer Buchhandlung in Graz, 2014

Was bei einer Veranstaltung zählt, ist das Charisma des Autors/Illustrators

Die Präsenz des Menschen ist für mich der wichtigste Punkt, den die Buchhandlung allen Internetshops voraus hat. Zunächst der Buchhändler und dann natürlich die Möglichkeit, in dieser Buchhandlungen Begegnungen mit Autoren und Illustratoren zu ermöglichen. Nicht zu vergessen auch die Begegnung und der Austausch der Zuhörer/Leser untereinander. Dabei ist es unerheblich, ob der Autor aus einem gedruckten oder digitalen Buch seine Geschichte vorträgt – solange er sein Wasserglas nicht darüber kippt.

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Bilderbuchkino unter den Sternen: Bild aus „Freda und das Geheimnis der Nacht“ von Anna Karina Birkenstock (© Tilda Marleen Verlag)

Zu meinem Lesereisegepäck gehört neben einem Beamer (Bilderbuchkino) auch ein iPad (Zuspieler). Da ich illustrierte Bücher vorstelle, sind die Bilder im Buch, egal ob digital oder gedruckt, für eine größere Gruppe an Kindern zu klein. Viele kennen schon das „Bilderbuchkino“ aus ihrer Bibliothek, bei dem die Bilder mittels Beamer projiziert werden. Bei einem E-Book lässt sich das Tablett an den Beamer direkt anschließen, so können auch Animationen (falls vorhanden) gezeigt werden. Mit Hilfe des Bilderbuchkinos veranstalte ich auch eine „Lesung im Dunkeln“, bei dem das projizierte Bild den Raum in die Farbstimmung (Tag, Sonnenuntergang, Nacht) der Geschichte taucht. Ein Zauberspruch, der einen weißen Blitz im Bild auslöst, wird so für alle erlebbar. Einzig zum Signieren vermisse ich ein gedrucktes Buch.

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Bilderbuchkino „Komm kuscheln, kleiner Hase!“ mit Anna Karina Birkenstock in der Stadtbibliothek Siegburg, 2014

Doch es gibt immer noch Vorbehalte: Oft merke ich, wie die anwesenden Pädagogen in KiTas und Schulen erst einmal die Stirn runzeln, wenn ich ein digitales Medium mitbringe. Aber nach der Lesung wird jedem klar – es geht um das lebendige Vorlesen, nicht um das Medium. Für die Kinder, die da unvoreingenommener sind, macht es von vornherein keinen Unterschied.

Es gibt in Deutschland zahlreiche Lesefestivals für Kinder und Erwachsene, die die Begegnung zwischen Autor/Illustrator ermöglichen. Ich war 2013 beim Käpt’n Book Lesefestival (http://www.kaeptnbook-lesefest.de) auf zweiwöchiger Lesereise (19 Lesungen) und auch auf den Museumsfesten dabei und konnte sehen, wie inspirierend solche Veranstaltungen für alle Beteiligten sind.

Kinder sind Technik gegenüber unvoreingenommener

Wenn Menschen mit Begeisterung Bücher vermitteln, ist es für die Geschichte unerheblich, ob sie das von einem E-Book oder gedruckten Buch tun. Ein E-Book kann auch auf andere Weise hilfreich sein: Die bekannte Kinderbuchautorin Ursel Scheffler („Kommissar Kugelblitz“, „Ätze das Tintenmonster“, „Upps“, „Die Hafenkrokodile“) hat ihr iPad bei Lesereisen stets dabei.

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Erfolgsautorin Ursel Scheffler hat bei Lesungen stets ihr iPad dabei, um Kinder in allen Sprachen zu begeistern.

Während ihrer Lesungen lässt sie auch Teile der Geschichte von Kindern mit Migrationshintergrund in ihrer jeweiligen Muttersprache vorlesen. Auf ihrem Tablet hat Ursel Scheffler ihre Bücher als E-Books in vielen Sprachen dabei. Sie hat, neben ihren bereits in über 60 Sprachen übersetzten gedruckten Büchern, weitere ihrer Bücher in Eigeninitiative übersetzen lassen und veröffentlicht sie als E-Books. Ihr Projekt „Bücherbrücken“ soll Kinderbücher in möglichst vielen (auch regionalen Dialekten) Sprachen für Kinder zugänglich machen. (www.bücherbrücken.de)

Begegnen und Begeistern – von Mensch zu Mensch

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Bei Workshops geht es zur Sache – also besser draußen – Lesung und Workshop mit Anna Karina Birkenstock in der Eifel, 2013

Begeistert Euch, begeistert andere! Autoren und Illustratoren, die gerne Veranstaltungen geben, gibt es in ganz Deutschland, in der Nähe jeder Buchhandlung. Es muss nicht immer der Bestsellerautor sein, die Beziehung zum Buch muss gelebt werden und wo könnte das besser geschehen als in der Buchhandlung bzw. als Kooperation zwischen KiTa/Schule/Bibliothek und Buchhandel.

Mehr zu diesem Thema von mir gibt es auf der Veranstaltung: „Einkauf als Ereignis: Storytelling in der Buchhandlung“, Buchmesse Frankfurt 2014, Halle 3.1 Stand K15 (Arena Digital) am 8. Oktober 2014 von 15 bis 16 Uhr. (Veranstaltungskalender der Buchmesse)

Arena Digital Messestandentwurf 01

Veränderte Messepräsenz als Reaktion auf digitale Medien

Neben der Sichtbarkeit in lokalen Geschäften geht es bei der Arena Digital des Forum Zukunft auch um eine Präsentationsmöglichkeit dieser Medien im Rahmen von Buchmessen. Da ich die Framework Agreement of Work von jovoto (siehe hier: http://www.jovoto.com/information/license-agreement-sample/) nur als unverschämt bezeichnen kann, sehe ich davon ab mich über so eine Plattform zu beteiligen. Was mich nicht davon abhält mir trotzdem Gedanken über den Themenkomplex „Digitale Medien auf einer Buchmesse“ zu machen.

Buchmesse B2B oder B2C? Wer ist der Kunde?

Eine Buchmesse kann völlig verschiedene Zielgruppen ansprechen und dementsprechend verändern sich auch die Anforderungen an einen Messestand drastisch. Hinzu kommt, die sich unterscheidende Wahrnehmung, wer denn überhaupt der Kunde eines Verlags ist: Der Print-Verleger verkauft Bücher an Grossisten und Buchhändler, während der E-Book-Verleger E-Books an Leser verkauft.

Wer einmal die Räumlichkeiten des Literary Agents & Scouts Centre auf der Frankfurter Buchmesse besucht hat, wird sehen, dass es auch völlig ohne pompöse Messestände möglich ist, Buchrechte zu handeln. Viele der kleineren Verlage auf der Frankfurter Buchmesse nehmen mit den praktisch ungestalteten weißen Messeboxen vorlieb, stellen reihenweise Bücher ins Regal und hängen 2-3 Poster/Banner auf und fertig ist der Messestand. Ich wage mal die steile These das die Kaffeeversorgung auf dem Messestand einer B2B Messe wichtiger ist um gute Gespräche zu führen und Geschäfte abzuschließen als ein großer Messestand.

Eine funktionierende Kaffeemaschine ist das wichtigste Tool auf einer Buchmesse

Die Digitalisierung der Buchbranche war bisher fast ausschließlich sichtbar in Form von iPads, die von den Lektorinnen als Notizblock verwendet werden während der Besprechungen. Digital werden Bücher dort kaum präsentiert, selbst, wenn man danach fragt wird normalerweise auf das Printprodukt verwiesen und auf das E-Book oder die App kann auf der Messe nicht zugegriffen werden. Für eine B2B Messe (als die ich die Frankfurter Buchmesse wahrnehme – Freitag am Mittag brechen viele der Lektoren/Programmverantwortlichen auf und verlassen die Messe und überlassen Messehostessen und der PR-Abteilung den Messestand) ist das digitale Produkt auch nicht wichtig, da es hier vordergründig um die Geschäfte zwischen Verlagen und Buchhändlern/Grossisten geht und für die ist das E-Book bisher ein Nebenschauplatz. Die Verlage schließen nicht auf der Buchmesse einen Deal mit Amazon, Apple, oder der Tolinoallianz ab, der traditionelle Vertriebsweg der Buchbranche lässt sich nicht 1:1 auf das E-Book übertragen.

Der Buchmessestand der Zukunft

Auf Buchmessen, die ihren Fokus auf B2C legen, sieht das erwartungsgemäß anders aus, hier könnte man E-Books direkt an den Leser bringen, aber wer dieses Jahr in Leipzig war (als Beispiel) wird gesehen haben, dass auch dort fast ausschließlich gedruckte Bücher präsentiert wurden. Nun habe ich mir einmal Gedanken über eine Produktpräsentation auf B2C Buchmessen gemacht und mir vorgestellt wie ein Gemeinschaftsstand von jungen „Digital Verlagen“ aussehen müsste um mich als Verleger zu reizen meinen Verlag dort zu präsentieren.

Arena Digital Messestandentwurf 01
Arena Digital Messestandentwurf 01

Dieser Messestand ist sehr einfach aus diversen messebaulichen Standards entworfen und besteht zum Großteil aus leihbaren Elementen und Möbeln und ist damit deutlich weniger komplex in der Realisierung, als typische Messestände auf großen Messen wie der IAA, IFA oder IMM. Die Architektur des Messestands versucht dabei gar nicht erst einen normalen Buchmessestand, mit seinen aufgereihten Buchcovern, nachzubilden, oder das Thema „Buch“ (als Printmedium) aufzugreifen. Die Welt hat sich weiter gedreht und nur noch die konservativsten (im direkten Sinn des Begriffs) Menschen benötigen die (B/K)rücke „Buch“ für die Beschreibung eines E-Books (Warum Buchhüllen für eReader keine Zukunft haben). Die Besucher werden auf drei unterschiedlichen Entfernungen zum Stand angesprochen: auf Distanz per LED-Wand, beim vorbeiflanieren per interaktivem HoloPresenter und auf dem Messestand selber per iPad-Strauch und Sonic Chair.

Arena Digital Messestandentwurf 02
Arena Digital Messestandentwurf 02

Die Inhalte von E-Books müssen präsentiert werden, nicht die Technik

Auf dem Wunschstand meines Verlages soll der Inhalt im Vordergrund stehen, nicht die Technik. Wir müssen zeigen, was es schon alles an originärem Inhalt als E-Books gibt und nicht welche Technik dahinter steht – dafür ist inzwischen auf den Buchmessen genug Raum vorhanden (siehe „Digital Innovation“ oder „Mobile“ Hot Spot). Zum Beispiel haben die Hersteller von Fühlelementbüchern, Stanzen oder Druckereien ihre Stände auch nicht zwischen den Kinderbuchverlagen, sondern einen eigenen Bereich.

Zurück zum konkreten Vorschlag – auf dem Stand befinden sich zusätzlich 3 PARCS Toguna von Bene, um einen Rückzugsort für intensivere Gespräche zu schaffen (Kooperations-/Lizenzverhandlungen oder Gespräche mit Autoren/Illustratoren und der Presse). Weitere Sitzgelegenheiten, in Form von Hockern rund um die iPad-Sträucher herum, erlauben es den Besuchern die E-Books in aller Ruhe auszuprobieren. Für die Multimedialen (enhanced) E-Books stehen die Sonic Chairs zur Verfügung die auch die Möglichkeit bieten Ton/Musik wahrzunehmen mit reduzierten Umgebungsgeräusch und ohne selber die Umgebung mit zu „unterhalten“.

Arena Digital Messestandentwurf 03
Arena Digital Messestandentwurf 03

Eine solche Möglichkeit E-Books von digital Verlagen zu präsentieren sucht man bisher erfolglos auf den diversen großen Buchmessen. Mittlerweile wurden zwar für Selfpublisher Möglichkeiten zur Ausstellung von Büchern (inkl. E-Books seit diesem Jahr) geschaffen, Technologieanbieter haben ihren Raum und herkömmliche kleine Verlage Gemeinschaftsstände, nur für “digital First” – wie es zur Zeit fast ausschließlich bei den kleinen Verlagen zu finden ist – gibt es keinen Ort auf den Messen.

PS: Die verwendete Farbgebung basiert auf den CI Farben der Buchmesse Frankfurt und der Arena Digital.

Sichtbarkeit von digitalen Medien in der offline Welt

Vor kurzem haben das Forum Zukunft, des Börsenverein des Deutschen Buchhandels, und die Buchmesse Frankfurt die Manege Digital ins Leben gerufen mit dem Ziel digitale Inhalte sichtbar und anfassbar im Buchhandel und auf den Buchmessen zu präsentieren. Mir stellt sich dabei sofort die Frage, wie andere digitale Medien sich „offline“ präsentieren und ob es aus meiner Sicht (als Verleger) überhaupt ein lohnendes Unterfangen ist sich so darzustellen.

Wo wird zur Zeit Download-Musik/Video außerhalb des Internets sichtbar?

In der Werbung, egal ob es TV oder Print ist, sind, die „erhältlich im iTunes Store“ Buttons sichtbar, aber in der lokalen Fußgängerzone? Die meisten der Plattenläden haben mittlerweile aufgegeben und in den noch existierenden Geschäften werden Schallplatten & CDs angeboten – keine Onlinemedien aus Onlineshops. Am ehesten lassen sich noch iTunes/Amazon Guthaben Karten nahe der Kassen in den großen Filialen der Elektronikmärkte finden, aber damit wird keine Sichtbarkeit für einzelne Titel erzeugt.

Nach aktuellen Studien (Bitkom Studie 2014) besitzen mittlerweile 85% der 12-13 Jährigen ein Smartphone und über 50% der 6-7 Jährigen die das Internet nutzen spielen damit und schauen sich Videos an – die Mediennutzung steht online also klar mit im Vordergrund. Versuchen Sie einmal einem dieser „Digital Natives“ zu erklären er solle in einen Buchladen gehen, um sich dort ein E-Book zu kaufen. Die positivste Reaktion dürfte noch ein Erstaunen sein und die Frage ob der Laden denn auch Paypal akzeptiert, wenn man nicht sofort schallendes Gelächter erntet. Machen wir uns doch nichts vor, jede Offline Sichtbarkeit von digitalen Medien wird eine Übergangslösung sein mit der man versuchen kann eine (aussterbende) Generation an Buchliebhabern vom digitalen Medium zu überzeugen.

Echte Buchliebhaber werden sich aber sicher nicht mit QR-Codes auf Pappkärtchen und nach Papier duftenden Kindle-Hüllen überzeugen lassen.

Einfach einen Haufen digitale „Prospekte“ ins Regal zu stellen ersetzt auch keine Printprodukte, da einfach sehr viele unterschiedliche Faktoren zur Buchauswahl führen, die sich nicht so einfach digital emulieren lassen. Dinge wie die Dicke eines Buches (welche Abschrecken oder Anziehen kann), das intuitive durchblättern und einfach auf irgendeiner Seite ungestört rein lesen zu können (nicht umsonst sind Bücher nicht mit Folie eingeschweißt) bieten die digitalen Ausstellungsvarianten nicht. Nur der Titel, das Cover und der Klappentext sind als Information eher dürftig und selbst Amazon bietet da ja mittlerweile mehr an (siehe „Blick ins Buch“). Hinzu kommt, dass es bereits jede Menge Ideen und Versuche gibt, die schon praktisch umgesetzt wurden, sei es QR Codes in Fernreisebussen zu verteilen (Piper – Artikel im Börsenblatt), E-Book Automaten (Artikel im Börsenblatt), QR Code Ständer in Buchhandlungen (Artikel im Börsenblatt) oder auch schon den modernen medienfähigen Ohrensessel (Sonic Chair).

Selbst die modernen eReader Apps versuchen nicht mehr das Printprodukt zu imitieren, sondern entwickeln eine Eigenständigkeit (siehe „Die Evolution der E-Book Gestaltung“). E-Book Bibliotheken verzichten auf jeden Skeuomorphismus und stellen nicht mehr einfach Buchcover in einem Kiefernholzregal dar, warum sollten wir dann unsere eReader, Tabletts und Smartphones in Buchhüllen stecken? Mich erinnert das an die Hüllen für VHS Kassetten, die vom Bildungsbürgertum in den 80er Jahren verwendet wurden, um im Buchregal die Gesamtausgabe von Goethe vorzutäuschen.

Die digitale Sichtbarkeit (außerhalb der Top 100 von Amazon) ist das Problem.

Wenn ich auf die von mir oben auf geworfene Frage zurückkomme, ob sich die Offline Sichtbarkeit überhaupt als lohnenswertes Ziel darstellt, darf ich den Aufwand dieser Lösungen nicht aus den Augen verlieren und was ich mit gleichem Aufwand vielleicht Online erreichen könnte – bei einer Zielgruppe die direkt bereit ist sich auf digitale Medien einzulassen und nicht erst davon überzeugt werden muss („riecht nicht nach Buch“-Generation). Setze ich vielleicht nicht lieber direkt auf eine Zielgruppe, die ich ohne Medienbruch erreichen kann, und suche Mittel und Wege die Sichtbarkeit in dieser Zielgruppe zu erhöhen? Ich drücke dem Forum Zukunft jedenfalls die Daumen das sich auch wirklich Innovationen finden lassen und werde sicher selber zum Thema „Veränderte Messepräsenz als Reaktion auf digitalen Medien“ noch etwas ausführlicher Stellung nehmen.

Die kleine Feldmaus auf der Electric Bookfair 2014

Es ist schon einige Zeit her, aber noch gut in Erinnerung.
Hier kommt endlich der Bericht unserer Kleinstadt-Korrespondentin aus der großen Stadt:
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Die kleine Feldmaus wohnt nicht wirklich auf dem Land, sondern in einer Kleinstadt. Ihre besonderen Merkmale sind ihre Begeisterungsfähigkeit für die Schönheit des Alltags.

Am 21. Juni 2014 packte die kleine Feldmaus ihr Kleinstadtköfferchen und machte sich auf in die große Stadt Berlin zur ersten Electric Book Fair. Im Gepäck hatte sie natürlich die E-Books ihres eigenen Verlages. Sie freut sich auf Begegnungen mit vielen anderen interessanten Mäusen.

Einführung: „Das digitale Wir“

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Die kleine Feldmaus fühlt sich natürlich als Teil davon, denn sie hat einen Freund, der ihr alle wichtigen Twitter Nachrichten vorliest (Sie hat eigentlich genug mit Facebook zu tun und will daher keinen eignen Twitter Account). Die Maus überlegt „Ich sitze auf der #EBF14 in der alle gleichzeitig darüber posten und lesen, dass sie gerade auf der #EBF14 sind, in der alle posten und lesen, dass sie…“ Irgendwann wird es ihr schwindelig. „Wenn ich es nicht twittere, bin ich dann eigentlich gar nicht da gewesen?“

Die Vorträge und Pausengespräche
Es gibt viele Vorträge, einer nach dem anderen. Die Menschen auf der Messe, das merkt man deutlich, sind alle mit Leib und Seele dabei. Es geht um Inhalte, Visionen, Gestaltung der Zukunft. Literatur ist ein gemeinsames Kulturprojekt, es soll möglichst vielen zugänglich sein.

Beruhigt werden wir alle in der “Keynote” von Richard Nash ” Scatter, Adapt and Remember”- Der Editor wird auch in den Zeiten zunehmender Computerisierung nicht aussterben, er steht in einer Reihe mit dem Physiotherapeuten und dem Feuerwehrmann, unersetzlich sozusagen. Ein gutes Gefühl für einen guten Start in den Tag!

Unter den Vortragenden gibt es Künstler, Macher und gestandene Geschäftsleute und die kleine Feldmaus bewundert sie gleichermaßen. Am liebsten wäre ich doch alles gleichzeitig, denkt sie. Mit coolen Projekten sichtbar im Netz und wirtschaftlich erfolgreich. Oder wäre das zu viel des Guten? Verrät der finanzielle Erfolg den kulturell wertvollen Ansatz?

Jürgen Schulze vom Null Papier Verlag, erfolgreich und gleichermaßen pragmatisch (“Wenn der Leser die Geschichte anders will, dann ändert der Autor das eben”) polarisiert dann auch das Publikum und verblüfft nach den heißen Diskussionen zum Thema Sichtbarkeit im Netz mit dem Satz “Ich mache keine Werbung, nie, das bringt nichts.” Zauberei? Da freut man sich auf einen Vortrag einer erfolgreichen Person, und die Enthüllung des Geheimnisses seines Erfolges und dann – Nichts! Da fällt auch unserer kleinen Feldmaus kurz die Kinnlade herunter, es kann doch nicht nur am Preis liegen?!

Man merkt deutlich, dass der heutige Austausch lange überfällig war- bei einigen Vorträgen kommt man schnell vom in der Überschrift genannten Thema etwas ab auf die Themen, die die Anwesenden besonders interessieren.  Dabei lenkt die Diskussion immer wieder zu den ähnlichen Fragen – Sichtbarkeit und Umgang mit Großkonzernen. Idealismus im Umgang mit der Realität. Große Unternehmen, wie, nennen wir sie „die Grinsekatze“ – ist sie unser Freund oder ist sie „alternativlos“? Können wir von ihr lernen?

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Es besteht großer Rede- und Austauschbedarf im „Digitalen Wir“, und so fällt es bald schwer, sich zwischen Vorträgen und spannenden Pausengesprächen zu entscheiden. Ein Tag scheint viel zu kurz.

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Die Vielfalt der Ansätze, Ideen und Lebensläufe ist großartig. Doch auch auf so einer zukunftweisenden Veranstaltung fällt der legendär platte und doch voller tiefer Weisheit steckende Satz:
„Die kochen doch auch nur alle mit Wasser.“

Der Abend
Nach so vielen Informationen, Vorträgen und Gesprächen schwirrt der kleinen Maus der Kopf, aber es gibt ja noch ein Abendprogramm.

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Jede Spannung braucht einen „Comic Relief“: Am Abend wurden Vortragssaal und Beamer zum „private Viewing“ des Fußballspieles Deutschland – Ghana umfunktioniert. Leider funktionierte „Comic“ nicht so ganz bei diesem spannenden Spiel, aber der „Relief“ der Spannung des Tages entlud sich deutlich in althergebrachten gebrüllten Kommentaren über die Spielleistung der Fußballer.

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Aber denken wir daran „Die kochen auch alle nur mit Wasser.“

Die Evolution der E-Book Gestaltung

Immer wieder hört man Stimmen die sich über die Unzulänglichkeiten bei der Gestaltung von E-Books beschweren. E-Books seien nur eine Anhäufung von ungestaltetem Text, die Ästhetik wird Ihnen komplett abgesprochen und ein „kalter“ Bildschirm taugt nicht zum lesen.

Wenn wir einmal die miesen Fernost-Konvertierungen und 1-Klick-InDesign Exporte ausklammern, die tatsächlich gerne mal die falschen Anführungszeichen verwenden, oder voller Hurenkinder & Schusterjungen sind, dann gibt es durchaus Möglichkeiten E-Books zu gestalten. Gerade im Bereich der Kinderbücher haben sich die Möglichkeiten enorm verändert und es gibt durchaus positive Beispiele.

Ich werde an Hand einiger Beispiele zeigen wie sich die Gestaltungsmöglichkeiten verbessert haben und wie weit man durch aus heute gehen kann. Dabei darf man nur niemals den Inhalt aus den Augen verlieren sonst verkommt die Gestaltung zum reinen Selbstzweck.

Am Anfang war das EPUB2

Ich fange an mit einem Vorlesebuch von der Autorin Ursel Scheffler und der Illustratorin Anna Karina Birkenstock „Wer schläft denn da noch nicht?“, einem typischen Vorlesebuch mit Gute-Nacht-Geschichten.

Wer schläft denn da noch nicht? - Screenshot
Wer schläft denn da noch nicht? – Screenshot

Deutlich zu sehen ist hier das floating Layout, welches die Bilder im Text, je nach vom Leser ausgewählter Schriftgröße, mitfließen lässt. Schon damals waren verschiedene Schriftarten und Farben (zur Unterscheidung zwischen Rahmenhandlung und eingebetteter Geschichte) möglich. Wenn man als Gestalter im Webdesign Erfahrung hat dann sind auch Dinge wie eine „Graceful Degradation“ (auf s/w eReadern lässt sich die Typo immer noch unterscheiden, selbst wenn keine embedded Fonts erlaubt sind, weil dann die eine Typo in einer serifenlosen Standardschriftart und die andere mit Serifen dargestellt wird). Je nach eReader/App lassen sich auch die Bilder anwählen (per Touch oder Klick) um sie dann Bildschirmfüllend zu betrachten. Man kann deutlich sehen das hier die eReader App (iBooks in einer älteren Version) versucht ein normales Buch nach zu bilden (Die Bibliothek in einem Kiefernregal, das Buch mit Buchrücken, aufgeschlagenen Seiten, Buchdeckel, etc.), Skeuomorphismus genannt. Eine solche Gestaltung soll dem Nutzer vorgaukeln etwas schon Bekanntes zu verwenden und die Angst vom dem „Neuen“ nehmen.

Selbst im EPUB3 gab es noch Skeuomorphismus

Das EPUB3 Format hat dann zum ersten Mal eine deutlich stärkere Gestaltung der E-Books zugelassen. Dabei gilt zu beachten, das ein „Fixed Layout“ sicher nicht für jeden Inhalt die richtige Darstellungsform ist, aber stark gestaltete Kochbücher, Kunst/Architektur/Designbücher und natürlich Kinderbücher können davon profitieren. Ich habe hier einmal das E-Book „Woher das Zebra Streifen hat“ von Chris Sesar & Till Laßmann als Beispiel ausgewählt um zu zeigen wie hier Illustrationen dominieren können, während der Text durch die Vorlesefunktion unterstützt wird (man kann sich den Text, gesprochen von Bruno Bachem, vorlesen lassen. Dabei wird das jeweilige gesprochene Wort hervorgehoben um Erstlesern einen einfachen Zugang zur Sprachrhythmik zu gewähren).

Woher das Zebra Streifen hat - Screenshot
Woher das Zebra Streifen hat – Screenshot

Auch hier ist noch deutlich der von der eReader App hinzugefügte Skeuomorphismus zu erkennen (Falz in der Mitte des Bildes).

Mit jeder neuen iOS & iBooks Version wurde die Darstellung dann sauberer und so sieht man bei diesem Beispiel schon gut das die Mittelfalz weggefallen ist. Das Beispiel ist aus dem Buch „Maxi Marder“ von Sven Kuntze und Antje Flad.

Maxi Marder - Screenshot
Maxi Marder – Screenshot

Noch ist hier die iOS UI von Apple nicht vollständig verschwunden, man sieht oben noch die Statusleiste mit Angaben über das System (Akku Stand, etc.).

E-Books mit eigener UI & UX sind kaum von Apps zu unterscheiden

In der aktuellen iOS & iBooks Version tritt dann die iOS UI völlig in den Hintergrund (man kann sie an und ab schalten per Touch auf einen unbenutzten Teil des Bildschirm und so auf die Standardfunktionalität wie das Inhaltsverzeichnis zugreifen). Nun steht der komplette Bildschirm für die UX (User Experience) des E-Books zur Verfügung und es lassen sich dann sogar E-Books mit eigenen UI (User Interface) Elementen gestalten.

Als Beispiel dient mit hier ein E-Book aus der „Wickelbär & Schmusespatz“ Reihe (Illustrationen von Maria Karipidou), bei dem die Audiosteuerung auf einem eigenen UI Element integriert ist. Dieses Element lässt sich ein und ausfahren um je nach Wunsch entweder den Blick nicht zu verstellen oder den Eltern eine Unterstützung durch die verschiedenen Tonoptionen zu bieten.

Wickelbär & Schmusespatz - Bewegungsspiele & Wickelreime - Screenshot
Wickelbär & Schmusespatz – Bewegungsspiele & Wickelreime – Screenshot

Die Gestaltung von E-Books mit eigenen UI-Elementen, die den kompletten Bildschirm verwenden und hoch interaktiv sein können, ist eher mit dem modernen Webdesign oder einer App-Entwicklung vergleichbar als dem klassischen Buchsatz. Natürlich gelten hier vielfach die gleichen Regeln für Dinge wie die Typografie, aber eine UX wie sie moderne E-Books erlauben ist per einfacher Konvertierung eines Printproduktes nicht möglich.

Wichtig ist es diese neue Art von E-Books direkt für das digitale Medium zu konzipieren. Wenn diese E-Books dann entsprechend geplant und umgesetzt wurden sind die Inhalte sogar vom Medium E-Book unabhängig einsetzbar, zum Beispiel auf Microsites. Ich verdeutliche das mal an Hand des oben beschriebenen E-Books „Wickelbär & Schmusespatz“ indem ich eine der Seiten aus dem E-Book hier in iFrame lade (und furchtbar verkleinere, bitte ruhig einmal auf die Lasche klicken und die Tonoptionen ausprobieren):

Die Inhalte sind unabhängig vom Medium

So ist es ohne weiteres möglich die einmal erstellten Inhalte, mit samt allen ihren Multimedialen und Interaktiven Elementen, auf unterschiedlichen Wegen zu nutzen ohne an ein E-Book gebunden zu sein. Damit ist man auch für eine Zeit nach EPUB3 gerüstet und kann seine Inhalte zum Beispiel in einem “Walled Garden” im Internet anbieten. Solche Vorteile kann natürlich nur derjenige nutzen der von vornherein auf ein offenes Format setzt und sich der üblichen Web-Technologien bedient.